Gift im Umkreis von 100 Kilometern um Bernburg durch Solvay-Müllofen
Montag, 7. Juli 2008Luftballonaktion der BiSA hat Rückmeldungen aus großem Umkreis ergeben – Antwortkarten sogar aus Brandenburg an der Havel – Baubeginn in Rheinberg verzögert sich, wegen unsicherer Brennstoffversorgung
Es waren achthundert schwarze Luftballons, die die BiSA vor vier Wochen vom Standort des in Bau befindlichen Solvay-Müllofens fliegen ließ. Jeder von ihnen entsprach einer ganzen Tonne Gift, die der Abfallofen jährlich aus seinen Schloten in die Luft pusten wird. Und an jedem hing eine gelbe Postkarte mit der Bitte um Rücksendung unter Angabe des Fundortes. Sie kamen zurück, viele aus dem Salzlandkreis, aber auch zum Beispiel aus Siersleben (Landkreis Mansfeld-Südharz) oder aus dem Harz und eine Karte kam sogar aus Brandenburg an der Havel. Damit ist eindrücklich belegt, wie weit sich die Schadstoffe über die ganze Region verteilen werden.
Wie giftig diese Emissionen tatsächlich sind, hat jüngst eine Forschungsarbeit des „International Persistant Organic Pollutants Elimination Network (IPEN)“ ergeben: Die besorgniserregende Studie weist nach, dass die Rückstände aus Müllverbrennungsanlagen eine große Menge von unabsichtlich produzierten persistenten organischen Verbindungen (U-POPs) enthalten, die sowohl lokal als auch global eine Umweltgefährdung darstellen – in etwa vergleichbar mit Doxinen oder PCB’s. Das Netzwerk IPEN fordert deshalb, andere Techniken als die Müllverbrennung in die Leitlinien mit den besten verfügbaren Techniken zu setzen. Darüber hinaus müssten Materialien wie PVC dringend ersetzt werden, damit sie gar nicht erst in den Verbrennungsanlagen landen.
Im nordrheinwestfälischen Rheinberg, wo ebenfalls auf einem Solvay-Werksgelände ein ganz ähnlicher Abfallofen gebaut werden sollte, kommt es zu großen Verzögerungen. Aus informierten Kreisen verlautete, dass der Baustart durch den Bürgerprotest so lange verzögert wurde, dass nun die Anlieferung der immensen Abfallmengen nicht mehr sicher gestellt werden kann, weil bestimmte Vorverträge mit Zulieferern abgelaufen sind. Damit steht dort ein rentabler Betrieb der Müllverbrennungsanlage auf der Kippe. Ganz ähnlich erging es jüngst den hochtrabenden MVA-Plänen des Entsorgers ALBA und des Holzverarbeiters Kronoply im brandenburgischen Heiligengrabe: Dort sollte ebenfalls, wie an achtzig weiteren Standorten in ganz Deutschland, ein EBS-Abfallofen entstehen. Begründet wurde der Rückzug nun aber mit „marktbedingten Schwankungen der Ersatzbrennstoffkosten“ und damit einem zu hohen Risiko für die Investition. Damit dürfte klar sein, dass schon jetzt drastische Knappheit an Abfällen zum Verbrennen herrscht. Umso begründeter ist daher die Befürchtung, dass künftig auch „der letzte Dreck“ zu Ersatzbrennstoffen umdeklariert wird, wie dies schon heute z. B. aus den Reihen des Branchenführers Remondis vermutet wird.
Trotz des schwebenden Verfahrens und der weiteren Verknappung der „Brennstoffe“ wollen die Betreiber Tönsmeier und Solvay in Bernburg offensichtlich ganz rasch Tatsachen schaffen: Die gigantischen Betonwände wachsen geradezu rasant in den Himmel über der kleinen Saalestadt. Dabei gibt es genügend Anhaltspunkte dafür, dass der Genehmigungsbescheid einer eingehenden juristischen Prüfung durch das Gericht nicht stand halten wird. Um die Müllheizer wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen, denkt die BiSA deshalb auch darüber nach, dem verantwortungslosen Bautreiben per einstweiliger Verfügung Einhalt zu gebieten bis ein Richterspruch Klarheit über die Rechtmäßigkeit schafft.
Das nächste Treffen der Bürgerinitiative findet am Mittwoch, dem 9. Juli um 18.30 Uhr im Haus des Handwerks statt; das Treffen ist wie üblich öffentlich und Interessierte können sich aus erster Quelle über die Zusammenhänge informieren.
