Bernburg und anderswo: Müll-Protest auf Bundesebene
Mittwoch, 2. April 2008Bernburger Bürgerinitiative BiSA stellt komfortables Emailformular bereit, um Bundestagsabgeordnete über unhaltbare Zustände in der Abfallwirtschaft zu informieren – Forderung nach unverzüglicher Intervention des Gesetzgebers
Es ist nicht nur ein Problem der Bernburger: Quer durch die ganze Republik schießen derzeit Müllverbrennungsanlagen wie Pilze aus dem Boden. Mindestens 60 Anlagen und diverse Erweiterungsanträge bereits laufender Müllöfen befinden sich gegenwärtig in Planung, im Genehmigungsverfahren oder sogar im Bau. Angesichts der ohnehin überdimensionierten deutschen Verbrennungskapazitäten, die heute schon Import-Müll benötigt, um wenigstens annähernd ausgelastet zu sein.
Zumeist werden die Anlagenpläne hinter dem beschönigenden Begriff „Ersatzbrennstoff-Kraftwerk“ oder „EBS-Heizkraftwerk“ versteckt. In Wirklichkeit sind es Müllöfen, in die all das hinein soll, was gut brennt – also in erster Linie Kunststoffe, aber bisweilen auch Altreifen, Altöl, Klärschlämme und ähnliches.
Umweltschützern bereitet aber noch viel mehr Sorge, dass die aktuell beantragen Anlagen vor allem eines nicht sind: Sauber. Der Trend geht derzeit in Richtung Billig-Technik. Anstatt moderner und hocheffizienter Filter-Anlagen, wie sie in den in den neunziger Jahren in Betrieb gegangenen MVA’s verwendet wurde, setzt man heute aus Kostengründen auf billige und hoffnungslos veraltete Technik, die die jahrzehnte alten Grenzwerte gerade eben einzuhalten vermag (viele Anlagen aus den neunziger Jahren sind hingegen wesentlich sauberer und emittieren nur einen Bruchteil der gesetzlich erlaubten Schadstoffe). Hierbei ist die Profit-Maximierung das vorrangige Ziel und die Gewinnspannen sind beträchtlich.
Doch gerade diese Gewinnspannen locken schwarze Schafe an, die sich vermehrt in der Abfallbranche tummeln: Neben diversen Machenschaften, um zur Auslastung der Öfen an den Mafia-Müll aus Neapel zu gelangen, entdeckt man sogar noch billigere Entsorgungsmöglichkeiten in ostdeutschen Tongruben. Es entwickeln sich Strukturen, die in Richtung organisierter Kriminalität auf internationalem Niveau wuchern und getrost als mafiös bezeichnet werden können. Selbst das Bundeskriminalamt erwähnt die Abfallwirtschaft in einem Atemzug mit Rauschgiftschmuggel und Menschenhandel.
Die wichtigste Ursache dieser Entwicklungen ist die europaweit einzigartige Genehmigungspraxis hierzulande: Wenn ein Betreiber rechnerisch nachweist, dass er die veralteten Grenzwerte einzuhalten vermag, hat er einen Anspruch auf Genehmigung der Anlage. Dabei ist es völlig egal, ob der Müll in Deutschland überhaupt vorhanden ist oder ob er über tausende von Kilometern aus ganz Europa mit LKW’s angekarrt wird – eine Bedarfsprüfung findet nicht statt.
Deshalb organisieren sich inzwischen zehntausende, vielleicht hunderttausende von Menschen von Hamburg bis ins Chiemgau, um mit Bürgerinitiativen gegen die Billig-Anlagen vorzugehen. Wenn sich aber an der Gesetzeslage nichts ändert, bleibt das Engagement ein Kampf gegen Windmühlen und führt letztlich nur zu weiterem Politikverdruss… aus diesem Anlass ist die Mailaktion der Bernburger Bürgerinitiative als bundesweiter Protest zu verstehen.
Indes haben auch Parteien und Organisationen entdeckt, dass hier dringender Handlungsbedarf entsteht: Allein die Bernburger Bürgerinitiative kann in ihrer Klage gegen die Solvay-Anlage auf breite Unterstützung bauen: DIE LINKE im Landtag hat 2.400,– € für den Rechtsstreit gegenben und die Bundestagsfraktion hat nochmals 500,– € draufgelegt. DIE GRÜNEN auf Kreis- und Landesebene geben 2.000,– € dazu und auch der Mieterverein und der „Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND)“ unterstützen die engagierten Bürger vor Ort finanziell und ideell.
